fbpx

Perfekt unperfekte Stoffsäckli

Wahrnehmen – fühlen – verbinden – verändern wollen – tun

auch unperfekt 🙂

 

Jedes Mal, wenn ich wieder in Indien bin, bin ich schockiert. Ich kann es kaum fassen, dass ich überall in der schönsten Natur, zwischen den wildesten Bäumen, Sträuchern und Heilpflanzen Plastik, Glasflaschen, alte Flipflops und allerhand Müll rumliegen sehe. 

Als ich zum ersten Mal mit dem Bus von Delhi nach Rishikesh unterwegs war und wir nach Stunden endlich ausserhalb der Grossstadt waren, schossen mir die Tränen in die Augen, als ich all diesen Müll in den grünen Feldern liegen sah. Ich hatte in dem Moment 1000 Ideen, was man tun könnte und hielt es kaum aus, einfach tatenlos in diesem Bus zu sitzen. Ich war einfach traurig. Wie ist es möglich all diesen Plastik achtlos in die wunderschöne Natur rauszuschmeissen???

Dies war der ausschlaggebende Moment, indem ich dann begann Plastik zu sparen – überall wo ich konnte. Auch gehe ich bewusst mit Papier und Papiersäckli um, indem ich diese mehrmals verwende oder Dinge in Stoffsäckli einpacke. So viele Dinge sind bereits im Umlauf, so vieles wurde bereits hergestellt – weshalb brauchen wir immer Neues?

Über jedes der Themen im vorherigen Abschnitt könnte und sollte man Bücher schreiben. Am liebsten möchte ich diesbezüglich alles verändern und ich hatte Ideen von riesigen Projekten. Was schlussendlich jedoch ausschlaggebend ist, ist, wie ich mich auch tatsächlich verhalte, wie ich lebe, wie ich konsumiere und was ich im Kleinen bewirken kann. So ist die Idee entstanden und gewachsen. Im grossen Sinne gedacht, wollte ich für ganz Indien Stoffsäckli nähen (ich, die im Handarbeitsunterricht die Klassenschlechteste war;-)).

Nun bin ich an der Umsetzung dieses kleinen Projektes:

Ich nähe Stoffsäckli aus alter Bettwäsche und alten Stoffresten und verkaufe diese in der Schweiz für 5 Franken als Minimumpreis. Jeden Rappen, den jemand zusätzlich bezahlt, spende ich Näherinnen und Nähern in Indien, damit sie Stoffsäckli nähen und dabei etwas verdienen. Für 30 Rappen Lohn kann in Indien ein Stoffsäckli genäht werden. Vor Ort sind Stoffreste bereits organisiert und ebenfalls Näher und Näherinnen, die dies gerne tun würden. Das eingenommene Geld nehme ich bei meiner nächsten Reise direkt mit.

 

Warum Stoffsäckli für Indien?

In Indien gibt es vielerorts noch Unverpackt-Läden. Sie müssen sie nicht neu erfinden, sondern sie haben sie noch. Das Problem ist nur, dass immer mehr verpackt wird und vor allem, dass Linsen, Reis und Kichererbsen vom Jutesack für den Kunden in Plastiktüten gefüllt werden. So ist also das Ziel in einem kleinen Dorf zu beginnen und dort die Stoffsäckli den Ladenbesitzern zukommen zu lassen, damit sie den Reis und all ihre wunderbaren Hülsenfrüchte für die Kunden direkt in Stoffsäckli füllen.

Warum Stoffsäckli für die Schweiz?

Wir haben so viele Möglichkeiten Plastik und allgemein Abfall einzusparen. Einerseits Altes nutzen und andererseits so wenig Neues kaufen, wie nötig. Immer mehr Städte und Dörfer stellen Unverpackt-Läden oder Artikel zur Verfügung. Mit den Stoffsäckli können wir so unkompliziert einkaufen gehen und müssen nicht immer alle grossen Boxen oder Gläser mitschleppen. Natürlich sind sie auch praktisch, um Früchte und Gemüse einzupacken. Zudem eignen sie sich als Znünisäckli oder für Ausflüge. Auch sind sie treue Begleiter für vergessliche Leute, indem diese alles Wichtige ins Stoffsäckli packen können.

Die Entstehung der perfekt unperfekten Stoffsäckli

Als Kind und Jugendliche, ebenso als junge Erwachsene und bis vor Kurzem hätte ich gelacht, hätte mir jemand gesagt, ich würde Stoffsäckli nähen. Durch meine Ungeduld und schlechte Feinmotorik als Kind und auch später hasste ich es feine Arbeiten zu tun. Ich weigerte mich oder fand sonst eine Möglichkeit auszuweichen. Das Gefühl, welches ich im Bus von Delhi nach Rishikesh empfand, war stärker als die Verweigerung gegenüber der Handarbeit. Dies brauchte jedoch Zeit. Die Idee war ja schon eine Weile in meinem Kopf. Die Umsetzung begann in Indien mit Hilfe von Näherinnen und sehr alten Maschinen. Mit einer von Hand zu drehenden Maschine eignete ich mir dann das Säcklinähen an. Mit einer kleinen Vorstellung, wie man ein Säckli näht, wie die Maschine funktioniert und ein paar wenigen Säckli kam ich anfangs November nach Hause. Nun war klar – ich will das Projekt jetzt starten. Bald hatte ich einen Termin mit Micheline von der Villa Bernau wegen meiner neuen Kurse, die ich dort anbiete. Sie überzeugte mich kurzerhand, einen Stand am Weihnachtsmarkt vor der Villa zu mieten und meine Säckli inklusive dem Projektgedanken zu verkaufen. Ebenso lieh sie mir sofort bereitwillig ihre Nähmaschine aus und los ging`s!! Etwas später besuchte mich meine Cousine und erzählte, dass ihr Sohn, mein Gottebueb Melvin im Nähfieber sei. Sofort war er bereit, mich sehr freudig beim Nähen der Säckli zu unterstützen. Am 6.12.19 haben wir fast 30 perfekt unperfekte Stoffsäckli am Weihnachtsmarkt der Villa Bernau verkauft.

Die Botschaft

Es geht darum aus dem Herzen und mit Überzeugung, das zu tun, was zu tun ist – in dem Moment – verbunden und sinnvoll. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nicht perfekt aussehen. Das Tun ist wichtig. Die Botschaft ist wichtig. Der Start im Kleinen ist wichtig. Das Gemeinsame ist wichtig. Das zu tun, was wir in der Welt an Veränderung sehen wollen, ist wichtig.

 

Danke Micheline!

Danke Melvin!

 

 

Danke an alle, die mich in irgendeiner Weise auf meinem Weg und in meinen Ideen unterstützen!

Tatjana